On-Demand-Verkehr: Eine fehlende Ebene in der Planung des öffentlichen Verkehrs

On-Demand-Verkehre werden zunehmend zu einem zentralen Bestandteil des öffentlichen Verkehrs, insbesondere dort, wo feste Linienangebote an ihre Grenzen stoßen. Der Beitrag zeigt, wie flexible Angebote Versorgungslücken in unterversorgten Räumen schließen und warum sie integraler Bestandteil der ÖPNV-Planung sein müssen.
By
Cyrine Kamoun
February 10, 2026

Stellen Sie sich vor, Sie leben in einer kleinen Stadt, in der der letzte Bus um 19 Uhr fährt.
Die Haltestelle ist noch da. Der Fahrplan auch. Doch danach endet Mobilität faktisch.

Für die Bewohner:innen ist die Lücke offensichtlich. Für Aufgabenträger und Verkehrsplaner:innen stellt sich jedoch eine andere Frage: Wie soll öffentlicher Personennahverkehr (ÖPNV) geplant und bewertet werden, wenn die Nachfrage sinkt, räumlich zerstreut ist oder sich in Nebenzeiten verlagert? Der Betrieb fester Linien führt in solchen Situationen häufig zu geringer Auslastung, steigenden Betriebskosten und schwierigen Abwägungen.

Diese Situationen zeigen die Grenzen einer ausschließlich liniengebundenen Planung. In vielen Regionen prägen flexible und bedarfsorientierte Angebote zunehmend das tatsächliche Mobilitätsangebot – und müssen daher bei der Analyse und Bewertung von ÖPNV-Systemen berücksichtigt werden, insbesondere dort, wo die Nachfrage zu gering oder zu verteilt ist, um klassische Linienverkehre effizient zu betreiben.

Die folgenden Abschnitte werfen einen genaueren Blick darauf, was diese Angebote ausmacht und wie sie in die Planung und Analyse des ÖPNV integriert werden können.

Was verstehen wir unter On-Demand-Verkehr?

On-Demand-Verkehr bezeichnet flexible, bedarfsorientierte Verkehrsangebote, die in bestehende ÖPNV-Netze integriert sind. Anders als klassische Taxis werden diese Angebote über Apps oder digitale Plattformen gebucht, sind häufig mit regulären ÖPNV-Tickets nutzbar und ergänzen Bus- und Bahnverkehre. In den meisten Fällen fällt ein geringer Komfortzuschlag an — dafür gewinnen Nutzerinnen und Nutzer Verlässlichkeit in Zeiten und Räumen, in denen der Linienverkehr an seine Grenzen stößt.

Die Idee an sich ist nicht neu. Neu ist jedoch, welche zentrale Rolle On-Demand-Verkehre heute in der Verkehrsplanung einnehmen.

Vom Anruf-Taxi zur algorithmischen Mobilität

Deutschland blickt auf eine lange Geschichte bedarfsorientierter Verkehrsformen zurück. Diese Angebote wurden meist telefonisch oder webbasiert gebucht und umfassten unter anderem:

  • Anrufsammeltaxi (AST): Geteilte Taxis mit festen Fahrzeiten, aber flexibler Routenführung. Fahrgäste buchten ihre Fahrt im Voraus und legten Abhol- und Zielorte fest. In der Praxis funktionierte dies ähnlich wie heutige Ridepooling-Dienste – jedoch ohne App und ohne Echtzeitbuchung.
  • Anruf-Linien-Taxi (ALT): Liniengebundene Taxiangebote mit festem Fahrplan und definierten Haltestellen.
  • Rufbus: Bedienung einer festen Route mit Fahrplan, ergänzt um zusätzliche Bedarfshalte innerhalb eines bestimmten Korridors.

Nicht das Konzept selbst war das Problem, sondern die Koordination. Routen wurden manuell geplant, Buchungen erfolgten frühzeitig, und eine flexible Anpassung an sich verändernde Nachfrage war kaum möglich.

Warum On-Demand-Verkehr heute relevant ist

On-Demand-Verkehr adressiert Herausforderungen, die Planerinnen und Planer gut kennen. In vielen Regionen verteilt sich die Nachfrage auf unterschiedliche Ziele und Tageszeiten, was den Betrieb fester Linien ineffizient und teuer macht. Große Fahrzeuge verkehren häufig mit geringer Auslastung — insbesondere nachts, an Wochenenden oder in ländlichen Räumen, also genau dann, wenn ÖPNV-Angebote oft reduziert oder ganz eingestellt werden.

On-Demand-Angebote reagieren gezielt auf diese Realität, indem sie Fahrzeuggröße und Bedienhäufigkeit an die tatsächliche Nachfrage anpassen und so die Nutzbarkeit des Netzes auch bei geringer Nachfrage sichern. Gleichzeitig schließen sie First- und Last-Mile-Lücken, indem sie Quartiere mit zentralen Haltestellen und Mobilitätsknoten verbinden und damit das Gesamtsystem des öffentlichen Verkehrs stärken.

Kurz gesagt: On-Demand-Verkehr löst nicht jede Herausforderung der Mobilität — aber er adressiert genau jene Probleme, für die klassische Linienverkehre strukturell schlecht geeignet sind.

Warum On-Demand-Verkehre heute an Bedeutung gewinnen

Routing-Algorithmen und Echtzeitbuchung haben die Rahmenbedingungen grundlegend verändert. Moderne On-Demand-Verkehre bündeln Fahrtanfragen dynamisch, optimieren Routen automatisch und passen das Angebot laufend an die tatsächliche Nachfrage an. Dadurch können sie ohne feste Linien oder Fahrpläne betrieben werden und bieten deutlich mehr Flexibilität.

Besonders wirksam sind diese Angebote dort, wo ausreichend Ridepooling-Potenzial besteht – also mehrere Fahrtanfragen effizient zu einer gemeinsamen Route zusammengeführt werden können.

Dieses Prinzip ist ein zentraler Bestandteil moderner Routing-Algorithmen und ermöglicht einen flächendeckenden Betrieb (Flächenbetrieb), den klassische Linienverkehre allein nur selten wirtschaftlich leisten können.

Heute werden On-Demand-Verkehre meist in zwei grundlegenden Betriebsformen angeboten:

  • Haltestellenbasiert: Fahrten erfolgen zwischen einem Netz aus physischen oder virtuellen Haltestellen.
  • Door-to-Door: Fahrgäste werden innerhalb eines definierten Bediengebiets direkt an beliebigen Start- und Zielpunkten abgeholt und abgesetzt.

Planung ist entscheidend: Wann On-Demand funktioniert — und wann nicht

Nicht jedes On-Demand-Angebot ist automatisch erfolgreich. Ein zentrales Risiko ist die Kannibalisierung bestehender Verkehre: Wenn On-Demand-Fahrzeuge mit gut funktionierenden Bus- oder Bahnlinien konkurrieren, steigen die Kosten, ohne dass sich die Erreichbarkeit verbessert.

Deshalb ist Integration entscheidend.

Gut geplante Systeme prüfen zunächst, ob eine Fahrt bereits durch den Linienverkehr sinnvoll abgedeckt ist, priorisieren klassische ÖPNV-Angebote dort, wo sie gut funktionieren, und setzen On-Demand-Verkehre gezielt dort ein, wo sie einen echten Mehrwert bieten. Ebenso wichtig ist eine fundierte Nachfrageanalyse. Ohne ausreichendes Ride-Pooling-Potenzial werden On-Demand-Angebote schnell teuer.

Erfolgreiche Umsetzung erfordert daher datenbasierte Planung — nicht technologiegetriebene Lösungen.

On-Demand-Verkehr in Deutschland

Heute sind On-Demand-Verkehre in vielen Regionen Deutschlands im Einsatz, meist organisiert durch Verkehrsverbünde. Die folgende Karte zeigt Landkreise mit verfügbaren On-Demand-Angeboten. Dabei ist zu beachten, dass diese Angebote nicht zwangsläufig den gesamten Landkreis abdecken. Zudem ist die Angebotslandschaft sehr dynamisch: Dienste werden regelmäßig eingeführt, angepasst oder eingestellt. Diese Übersicht bildet den Stand Anfang 2025 ab.

Landkreise mit On-Demand-Angeboten in Deutschland

Wie wir On-Demand-Analysen bei Plan4Better integrieren

Bei Plan4Better verstehen wir On-Demand-Verkehre als festen Bestandteil des öffentlichen Verkehrs — nicht als Ausnahme. Würden sie ausgeklammert, entstünde ein verzerrtes Bild des tatsächlichen Mobilitätsangebots. Deshalb integrieren wir stationsbasierte On-Demand-Angebote in unsere ÖV-Güteklassen-Analyse. So können wir Erreichbarkeit realistischer bewerten, insbesondere in Räumen, in denen flexible Angebote bestehende Versorgungslücken schließen.

In Dorfen beispielsweise deutet eine Analyse auf Basis reiner Linienverkehre auf eine eingeschränkte Erreichbarkeit hin. Werden On-Demand-Angebote einbezogen, verändert sich das Bild — nicht überall, sondern genau dort, wo flexible Verkehre das Netz sinnvoll ergänzen. Über die Bestandsbewertung hinaus unterstützt unsere datenbasierte Analyse auch dabei, Potenziale für neue On-Demand-Angebote zu identifizieren — auf Grundlage von Nachfragemustern, Auslastung und Netzstruktur.

On the left, ÖV-Güteklasse analysis made just with Public transport stops, and on the right with On-Demand.

Fazit: On-Demand ist eine Planungsentscheidung

On-Demand-Verkehre sind kein glänzendes Mobilitäts-Gadget. Sie sind eine Planungsentscheidung.

Richtig eingesetzt stärken sie den ÖPNV dort, wo feste Linien an ihre Grenzen stoßen.
Falsch eingesetzt werden sie zu einem teuren Parallelsystem.

Der Unterschied liegt in Integration, Daten und klaren Zielsetzungen – genau dort, wo moderne Planungswerkzeuge wie GOAT ihren Mehrwert entfalten.

In der Praxis bedeutet dies, On-Demand-Angebote nicht isoliert zu betrachten, sondern im Zusammenspiel mit bestehenden Netzen, Nachfrage Mustern und Nutzung. Über die Bewertung bestehender Angebote hinaus hilft unsere datenbasierte Analyse dabei, geeignete Einsatzräume für neue On-Demand-Verkehre zu identifizieren, indem ÖPNV-Nutzung, Auslastung und Mobilitätsnachfrage gemeinsam ausgewertet werden.

Quellen

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Menschen auf Fahrrädern
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