GOAT

Stellen Sie sich vor, Sie leben in einer kleinen Stadt, in der der letzte Bus um 19 Uhr fährt.
Die Haltestelle ist noch da. Der Fahrplan auch. Doch danach endet Mobilität faktisch.
Für die Bewohner:innen ist die Lücke offensichtlich. Für Aufgabenträger und Verkehrsplaner:innen stellt sich jedoch eine andere Frage: Wie soll öffentlicher Personennahverkehr (ÖPNV) geplant und bewertet werden, wenn die Nachfrage sinkt, räumlich zerstreut ist oder sich in Nebenzeiten verlagert? Der Betrieb fester Linien führt in solchen Situationen häufig zu geringer Auslastung, steigenden Betriebskosten und schwierigen Abwägungen.
Diese Situationen zeigen die Grenzen einer ausschließlich liniengebundenen Planung. In vielen Regionen prägen flexible und bedarfsorientierte Angebote zunehmend das tatsächliche Mobilitätsangebot – und müssen daher bei der Analyse und Bewertung von ÖPNV-Systemen berücksichtigt werden, insbesondere dort, wo die Nachfrage zu gering oder zu verteilt ist, um klassische Linienverkehre effizient zu betreiben.
Die folgenden Abschnitte werfen einen genaueren Blick darauf, was diese Angebote ausmacht und wie sie in die Planung und Analyse des ÖPNV integriert werden können.
On-Demand-Verkehr bezeichnet flexible, bedarfsorientierte Verkehrsangebote, die in bestehende ÖPNV-Netze integriert sind. Anders als klassische Taxis werden diese Angebote über Apps oder digitale Plattformen gebucht, sind häufig mit regulären ÖPNV-Tickets nutzbar und ergänzen Bus- und Bahnverkehre. In den meisten Fällen fällt ein geringer Komfortzuschlag an — dafür gewinnen Nutzerinnen und Nutzer Verlässlichkeit in Zeiten und Räumen, in denen der Linienverkehr an seine Grenzen stößt.
Deutschland blickt auf eine lange Geschichte bedarfsorientierter Verkehrsformen zurück. Diese Angebote wurden meist telefonisch oder webbasiert gebucht und umfassten unter anderem:
Nicht das Konzept selbst war das Problem, sondern die Koordination. Routen wurden manuell geplant, Buchungen erfolgten frühzeitig, und eine flexible Anpassung an sich verändernde Nachfrage war kaum möglich.
On-Demand-Verkehr adressiert Herausforderungen, die Planerinnen und Planer gut kennen. In vielen Regionen verteilt sich die Nachfrage auf unterschiedliche Ziele und Tageszeiten, was den Betrieb fester Linien ineffizient und teuer macht. Große Fahrzeuge verkehren häufig mit geringer Auslastung — insbesondere nachts, an Wochenenden oder in ländlichen Räumen, also genau dann, wenn ÖPNV-Angebote oft reduziert oder ganz eingestellt werden.
On-Demand-Angebote reagieren gezielt auf diese Realität, indem sie Fahrzeuggröße und Bedienhäufigkeit an die tatsächliche Nachfrage anpassen und so die Nutzbarkeit des Netzes auch bei geringer Nachfrage sichern. Gleichzeitig schließen sie First- und Last-Mile-Lücken, indem sie Quartiere mit zentralen Haltestellen und Mobilitätsknoten verbinden und damit das Gesamtsystem des öffentlichen Verkehrs stärken.
Routing-Algorithmen und Echtzeitbuchung haben die Rahmenbedingungen grundlegend verändert. Moderne On-Demand-Verkehre bündeln Fahrtanfragen dynamisch, optimieren Routen automatisch und passen das Angebot laufend an die tatsächliche Nachfrage an. Dadurch können sie ohne feste Linien oder Fahrpläne betrieben werden und bieten deutlich mehr Flexibilität.
Besonders wirksam sind diese Angebote dort, wo ausreichend Ridepooling-Potenzial besteht – also mehrere Fahrtanfragen effizient zu einer gemeinsamen Route zusammengeführt werden können.
Heute werden On-Demand-Verkehre meist in zwei grundlegenden Betriebsformen angeboten:
Nicht jedes On-Demand-Angebot ist automatisch erfolgreich. Ein zentrales Risiko ist die Kannibalisierung bestehender Verkehre: Wenn On-Demand-Fahrzeuge mit gut funktionierenden Bus- oder Bahnlinien konkurrieren, steigen die Kosten, ohne dass sich die Erreichbarkeit verbessert.
Deshalb ist Integration entscheidend.
Gut geplante Systeme prüfen zunächst, ob eine Fahrt bereits durch den Linienverkehr sinnvoll abgedeckt ist, priorisieren klassische ÖPNV-Angebote dort, wo sie gut funktionieren, und setzen On-Demand-Verkehre gezielt dort ein, wo sie einen echten Mehrwert bieten. Ebenso wichtig ist eine fundierte Nachfrageanalyse. Ohne ausreichendes Ride-Pooling-Potenzial werden On-Demand-Angebote schnell teuer.
Heute sind On-Demand-Verkehre in vielen Regionen Deutschlands im Einsatz, meist organisiert durch Verkehrsverbünde. Die folgende Karte zeigt Landkreise mit verfügbaren On-Demand-Angeboten. Dabei ist zu beachten, dass diese Angebote nicht zwangsläufig den gesamten Landkreis abdecken. Zudem ist die Angebotslandschaft sehr dynamisch: Dienste werden regelmäßig eingeführt, angepasst oder eingestellt. Diese Übersicht bildet den Stand Anfang 2025 ab.

Bei Plan4Better verstehen wir On-Demand-Verkehre als festen Bestandteil des öffentlichen Verkehrs — nicht als Ausnahme. Würden sie ausgeklammert, entstünde ein verzerrtes Bild des tatsächlichen Mobilitätsangebots. Deshalb integrieren wir stationsbasierte On-Demand-Angebote in unsere ÖV-Güteklassen-Analyse. So können wir Erreichbarkeit realistischer bewerten, insbesondere in Räumen, in denen flexible Angebote bestehende Versorgungslücken schließen.
In Dorfen beispielsweise deutet eine Analyse auf Basis reiner Linienverkehre auf eine eingeschränkte Erreichbarkeit hin. Werden On-Demand-Angebote einbezogen, verändert sich das Bild — nicht überall, sondern genau dort, wo flexible Verkehre das Netz sinnvoll ergänzen. Über die Bestandsbewertung hinaus unterstützt unsere datenbasierte Analyse auch dabei, Potenziale für neue On-Demand-Angebote zu identifizieren — auf Grundlage von Nachfragemustern, Auslastung und Netzstruktur.

On-Demand-Verkehre sind kein glänzendes Mobilitäts-Gadget. Sie sind eine Planungsentscheidung.
Der Unterschied liegt in Integration, Daten und klaren Zielsetzungen – genau dort, wo moderne Planungswerkzeuge wie GOAT ihren Mehrwert entfalten.
In der Praxis bedeutet dies, On-Demand-Angebote nicht isoliert zu betrachten, sondern im Zusammenspiel mit bestehenden Netzen, Nachfrage Mustern und Nutzung. Über die Bewertung bestehender Angebote hinaus hilft unsere datenbasierte Analyse dabei, geeignete Einsatzräume für neue On-Demand-Verkehre zu identifizieren, indem ÖPNV-Nutzung, Auslastung und Mobilitätsnachfrage gemeinsam ausgewertet werden.
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